Kraft tanken in der Natur

„Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben.“ So beginnt das fröhliche Sommerlied von Paul Gerhardt, das einen Spaziergang durch die Natur beschreibt und in den Sommergottesdiensten nicht fehlen darf. (Evangelisches Gesangbuch 503)

Da geht jemand mit Achtsamkeit spazieren und nimmt die Bäume wahr, die im vollen Laub stehen, die Lerche, die sich in die Lüfte schwingt, die Bienenschar auf der Suche nach Nektar und vieles mehr. Und derjenige, der da spazieren geht, kann gar nicht anders, als Gott zu loben und darum heißt es im Lied: “ich singe mit, wenn alles singt.“ Ich mache immer gerne Spaziergänge und in dieser Zeit der Pandemie sind sie mir noch einmal besonders wichtig geworden. Darum freue ich mich wie in kaum einem anderen Jahr auf schönes Wetter und meine Spaziergänge.

Ich tanke Kraft durch das Beobachten der Natur. Die Natur hat eine heilsame Wirkung auf meine Seele.

Ich staune, wie vielfältig und wunderbar Gott seine Schöpfung gemacht hat, die immer wieder neues Leben hervorbringt. So spürt man in der Natur Gottes Kraft, die diese Erde bewegt. Bei einem kleinen Spaziergang kann ich mich ein wenig erholen von den betrüblichen Seiten, die das Leben in der Pandemie so mit sich bringt. So erging es Paul Gerhard auch, als er das Lied geschrieben hat. Es klingt so fröhlich und man könnte glauben, er wäre ein glücklicher unbeschwerter Mensch gewesen. In Wirklichkeit aber prägt der dreißigjährige Krieg sein Leben. Dörfer und Städte liegen in Schutt und Asche. Dem Krieg folgt der schwarze Tod, die Pest. Paul Gerhardt muss geliebte Menschen gehen lassen – ein Leben lang. Schon als Kind verliert er seine Eltern. Vier seiner fünf Kinder muss er zu Grabe tragen, ebenso seine Frau. Der Pastor und Barockdichter zieht sich oft zurück in seine „Schwermuthöhle“, wie er es nannte. Aber sein Glaube gibt ihm Kraft und Hoffnung – über den Tod hinaus.

Dieses Vertrauen in Gott wird gestärkt beim Sommerspaziergang. Auch dann, wenn nicht bei allen Spaziergängen das Beobachten der Natur im Mittelpunkt steht, sondern eher das, was uns Menschen gerade an Sorgen im Herzen bewegt. Ich habe mich gerade in diesen Pandemiezeiten ganz bewusst mit Freundinnen oder Gemeindemitgliedern zum Spaziergang verabredet. Ein schöner Ausgleich für die fehlenden Kontakte. So manches Problem kann bei einem gemeinsamen Spaziergang eine Lösung finden. So manchen Kummer kann man sich von der Seele reden. Manchmal vielleicht noch besser, wie wenn man sich in einem Raum gegenübersitzt. Wie oft bin ich gestärkt von einem solchen Spaziergang im vergangenen Jahr schon zurückgekommen, mit viel Freude und neuem Mut im Herzen. Wie schön, dass es Sommer ist.

Ich freue mich auf neue Spaziergänge und wünsche auch Ihnen Zeit und Muße draußen in der Natur, in der Sie Kraft tanken können.

Es grüßt Sie herzlich

Jutta Hofmann-Weiß
Pfarrerin der Ev. Kirchengemeinde
Watzenborn-Steinberg