„Heimat“ greifbar machen

An einem Freitag Ende Januar sind in der Hausener Kirche alle Bänke eng besetzt. Kinder führen ein Musical auf. Die ersten Sätze des kleinen Erzählers umreißen die Spannungen im 2000-Seelen-Dorf. „Besonders in letzter Zeit gibt es ständig Ärger in der Schule. Immer wieder geraten Leute aus unterschiedlichen Ländern mit verschiedenen Religionen aneinander.  Nicht selten wird es handgreiflich. Manchmal kann man überhaupt nicht verstehen, warum sich Leute streiten, die nur verschiedene Religionen haben!“

Vordergründig erzählt das Singspiel von der Sklaverei und der Flucht, die Moses und die Israeliten vor Jahrtausenden erlebt haben. Doch um die biblische Geschichte herum hat Beate Korf aus Hausen den Alltag in Kindergarten und Schule verwoben. Seit vielen Jahren leitet sie gemeinsam mit Birthe Steiß die Arbeit mit Kindern in der Kirchengemeinde. Nun hatte die Grundschule Beate Korf gebeten, aktiv zu werden. Denn dort traten in letzter Zeit zunehmend Spannungen zwischen den Kindern auf, die die Lehrerinnen vor Herausforderungen stellen.

Seit Jahren wird Hausen, am östlichen Gießener Stadtrand gelegen, multi-kultureller. Zahlreiche aramäische Familien sind zugezogen, „weil sie ihre christliche, syrisch-orthodoxe Tradition und ihren Glauben in der Türkei oder in anderen muslimischen Ländern im Mittleren Osten ohne Diskriminierung nicht leben konnten“, erzählt Beate Korf. Nach 2015 flohen nun auch muslimische Familien vor dem Krieg in Syrien und dem Irak in eine für sie fremde Umgebung. Wie auch Menschen aus Afghanistan oder Nordafrika landeten sie in Hausen. Daraus erwachsen Spannungen und die zeigen sich zuerst in der Schule. In einer überschaubaren Einrichtung wie der Hausener Grundschule sind Kinder aus über zehn Nationen vertreten. „Heimat“, diese Kategorie ist im Wandel, global und genauso am Schiffenberg.

Im Musical werden die unterschiedlichen Perspektiven krass offenbar. Die Kinder singen: „Was wollt ihr hier in unsrem Land | hat euch wer von zu Haus verbannt? |Ihr seid ganz anders, seid uns fremd, |ich muss es sagen- ungehemmt!“ Ihnen wird geantwortet:  „Was soll‘n wir hier, es ist so kalt, | gibt wenig Freundschaft, viel Gewalt! | Versteh’n kein Wort hier, sind allein, | Soll das die neue Heimat sein?“

Beate Korf ist eine gute Vermittlerin. Seit vielen Jahren verantworten die Lehrerin Birthe Steiß und sie im Team in der Kirchengemeinde Hausen die Kinder- und Jugendarbeit. Beate Korf vermittelt Inhalte mit Musik. Die promovierte, aber nicht praktizierende Ärztin, die auch in Lich und Laubach aktiv ist, gestaltet seit 1998  gemeinsam mit der Birthe Steiß und einem Team aus Jugendlichen  die monatlichen Treffen „Bibel auf – hereinspaziert“.

Vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen zwischen den Schülern  bittet die Schulleiterin Mareike Kollmann Beate Korf, die in der 1. und 2. Klasse der Hausener Grundschule Musik unterrichtet und den Schulchor leitet, um Unterstützung bei der Planung und Gestaltung der Projektwoche. Kollmann weiß von der Arbeit mit Kindern in der Kirchengemeinde  zum Jahresthema „Heimat“. Dieses Projekt wurde  2019 vom Evangelischen Dekanat Gießen gefördert, das Mittel für ein Jahresthema „Heimat. Lust auf Region“ ausgelobt hatte.

So entsteht das Musical „Fern der Heimat. Und wo sind Milch und Honig? Auszug aus Ägypten“. Beate Korf schrieb die Texte, ihre Tochter Johanna Korf, Kantorin in Mansfeld (Südharz), komponierte die Musik. Jahr um Jahr verfassen die beiden Musicals für die Ferienspiele im Sommer und für Weihnachten. Kinder vom Kindergartenalter bis zur 8. Klasse singen und spielen dabei mit.

„Unser Ziel war es, das Thema Heimat für Kinder greifbar zu machen. Dass sich Heimat verändert, dass Familien ihre Heimat verlassen mussten und im Ort neue Heimat finden mussten, ist uns in Hausen und Garbenteich vertraut.“ 

Deutlich wurde Beate Korf dabei, die Maßstäbe für Heimat sind zwar unterschiedlich und geprägt von der individuellen Biografie und doch bilden sie die gleichen ur-menschlichen Bedürfnisse nach Geborgenheit und Sicherheit ab. Heimat das ist in der Welt von Kindern Familie, Freunde, eine vertraute Sprache, gemeinsames Essen, das nach Kindheit schmeckt, Geschichten, Musik, religiöse Riten, angenehmes Klima und Landschaft.

In den Gesprächen nimmt sie viele Ängste vor dem Fremden wahr. Die Aramäer sorgen sich vor einer Zunahme von Muslimen. Die Muslime vor der Missionierung in einer christlich geprägten Umgebung. Und die alteingesessenen Hausener Familien fürchten den Verlust heimatlicher Traditionen, die seit Generationen das Leben am Schiffenberg prägen.

Beate Korf und Birthe Steiß machen die Erfahrung, dass die Kinder, die Freunde quer durch alle Kulturen haben, die Ängste der Eltern hören und teilweise übernehmen.

Birthe Steiß und Beate Korf arbeiten mit Kindern zwischen vier und sechzehn Jahren. Bevor sie die Texte des Musicals schreibt, hat sich Beate Korf eingearbeitet, Bücher gelesen und mit Eltern gesprochen.  „Wir haben versucht, Raum zu geben, um offen über die Spannungen zu reden.“  Auch die Kinder durften bei den „Bibel auf“-Terminen ungeschützt und ohne moralische Sanktionen sprechen. Sie haben durch das Miteinander in den Gruppen der Kirchengemeinde und in der Schule aber auch schon gelernt, die Unterschiede gelassener darzustellen.

Während der „Heimat“-Sommerspiele 2019 geht das Team nicht nur auf evangelische, sondern auch syrisch-orthodoxe und muslimische Kinder zu. Dass ihr Hauptdarsteller Mose eine über Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg verbindende Gestalt ist, macht das etwas leichter. Wenn auch muslimische Eltern nicht zur Aufführung in der Hausener Kirche kamen, so besuchten sie doch das Sommerfest im Pfarrgarten, das gemeinsam mit dem „Lernraum“ Pohlheim und Flüchtlingshelfern aus Hausen gefeiert wurde. Beate Korf sagt: „Ich akzeptiere, dass Muslime die Kirche nicht betreten wollen. Ich vertrete deutlich meinen christlichen Glauben. Und doch suche ich nach Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen, die hier leben.“ So heißt der Laternenumzug für die Hausener Grundschüler im November auch weiterhin St.-Martinsfest. Gefeiert wird es in einem Gottesdienst. Auch hier kommen nicht alle Eltern in die Kirche, sind aber beim anschließenden Fest im Gemeindesaal dabei.

An der Projektwoche mit dem Mose-Musical im Januar beteiligen sich rund ca. 75 Kinder und das gesamte Kollegium der Grundschule Hausen. Während Beate Korf mit der Theatergruppe  in vier Tagen die anspruchsvollen Texte und Lieder in der Kirche probt, üben die 1. und 2. Klässler ihre Auftritte als farbenfrohe Statisten. Zeitgleich werden in der Schule Kulissen gebaut, Kostüme genäht, Requisiten gebastelt und das Thema inhaltlich besprochen. Zum Abschluss jedes Projekttags kommen alle für eine Schulstunde in der Kirche zusammen, um gemeinsam die Refrains der Lieder zu singen und die Szenen mit den kleineren Theaterspielern zu proben.

Am letzten Projekttag ist die Hausener Kirche voll wie sonst am Heiligen Abend. Und in den Bänken sitzen als stolze Zuschauer christliche und muslimische Eltern einträchtig nebeneinander. Für die Lehrerinnen und Lehrer ein Hoffnungszeichen und für Beate Korf ein im Grund wunderbarer Abschluss ihrer langjährigen Kinder- und Jugendarbeit. Denn im kommenden Jahr wollen sie und Birthe Steiß aufhören.

Da wird etwas fehlen in Hausen.

22. März, 15 Uhr, Familiengottesdienst „Heimat“ in der  Hausener Kirche, anschl. Kaffee im Gemeindehaus.

Text: Matthias Hartmann