Gemeindebrief Frühjahr 2016

Titelseite des Gemeindebriefes Frühjahr 2016
Titelseite des Gemeindebriefes Frühjahr 2016

Liebe Gemeinde,

als ich mir neulich die Wiese vor unserer Kirche betrachte, fällt mein Blick auf einen einzelnen grünen Grashalm. An seiner Spitze ballt sich der morgendliche Tau zu einem kleinen Wassertropfen. Das Sonnenlicht bricht sich darin und ich kann ein Farbenspiel beobachten. Während ich den Tropfen weiter betrachte, gerate ich immer mehr ins Staunen. Ins Stauen über die Vielfalt der Schöpfung. Gerne möchte ich den Moment des Staunens festhalten. Leider ziehen Wolken auf und alles vergraut. Das Farbspiel nimmt sein Ende und auch mein „Staunensmoment“ bricht in sich zusammen. Da fallen mir Worte eines berühmten Theologen des 19. Jahrhunderts ein, die ich aus dem Studium im Kopf behalten habe: Flüchtig und durchsichtig.
Diese beiden Worte beschreiben für DANIEL FRIEDRICH SCHLEIERMACHER einen zutiefst religiösen Moment: „Flüchtig ist er und durchsichtig wie der erste Duft womit der Thau die erwachten Blumen anhaucht, schamhaft und zart wie ein jungfräulicher Kuß <..>“ Doch was soll das bedeuten?

Schleiermacher spricht hier von einem ganz bestimmten Gefühl. Eine Empfindung, die uns ergreift und uns deutlich macht, dass etwas Unendliches hinter dieser Schöpfung stehen muss. Dass nicht wir die Urheber dieser Schönheit sind. Dass nicht alles von uns abhängt, sondern wir von einer nicht fassbaren Größe. In einer Zeit, in der die Aufklärung mit den großen Programmen der Vernunft und der Freiheit Europa grundlegend verändert hatte, waren das vermutlich eher eigenartige Überlegungen. Nicht gerade en vogue. Heute vielleicht auch?

In gewisser Weise schon: Wir erleben uns heute als tätige Menschen. Wir sind es die unser Leben gestalten. Dabei wollen wir möglichst kreativ sein. Wir sind es die arbeiten, wir sind es die sich um unsere Familien kümmern – und natürlich sind wir es von denen alles abhängt. Natürlich ist es an uns gelegen Vieles zu tun. Das ist gut so! Aber es gibt auch ganz andere Momente. Das können ganz Wunderbare sein, wenn ein Mensch geboren wird und wir kaum fassen können wie ein Leben einfach so beginnt; aber auch sehr traurige, wenn uns alles entgleitet und wir an die Grenzen unserer eigenen Handlungen kommen. Wenn sich Dinge ereignen, die wir nicht in der Hand haben. Für die es auch keine Erklärungen gibt. Dann scheint es auf einmal wesentlich schlüssiger für uns, dass da noch jemand sein muss, der zuständig ist. Mit beidem leben wir. Tagaus, tagein. Und daran kann uns ein solcher Moment erinnern, wenn wir morgens durch die Stadt gehen und wir ihn wahrnehmen, diesen ganz besonderen „Duft womit der erwachte Thau die Blumen anhaucht <…>“.

Gottes Segen für Sie,
Johannes Lohscheidt

Weitere Inhalte aus dem Gemeindebrief:
Vikariat – Schulpraktikum
Flüchtlinge heute – Gastarbeiter damals
Stadtjugendpfarrer Alexander Klein
u.v.m.

Veröffentlicht von

Team Gemeindebrief

Gemeindebriefredaktion der evangelischen Kirchengemeinde Garbenteich und Hausen/Petersweiher