Gemeindebrief 04/2010

Wo ein Mensch Vertrauen schenkt

Titelseite des Gemeindebriefes 04/2010
Titelseite des Gemeindebriefes 04/2010

Ein Versuch: Ein Kind sitzt mutterseelenallein allein im Zimmer. Vor sich auf dem Tisch liegt ein Marshmallow (ein Stück Mäusespeck). Das Kind hat vom Versuchsleiter gesagt bekommen: „Du kannst Dich entscheiden. Wenn Du willst, darfst Du den Marshmallow gleich essen. Du kannst aber auch warten, bis ich wieder zu Dir ins Zimmer komme. Wenn Du so lange wartest, bekommst Du von mir zur Belohnung die doppelte Menge.“

Es gibt manchen Film (z.B. bei www.mamatogo.de), der zeigt, wie die Kinder versuchen, ihre Lust in den Griff zu bekommen und die Spannung auszuhalten, was sie für Grimassen schneiden oder wie sie sich selbst von der Süßigkeit abzulenken versuchen. Aber 20 Minuten sind lang …
Es ist ein berühmtes Experiment, das der Psychologe Walter Mischel da erfunden hat. Und der Tragweite der Ergebnisse war er sich anfangs überhaupt noch nicht bewusst. Erst Jahre später ging ihm langsam auf, was er da herausgefunden hatte. Er stellte nämlich fest, dass die Kinder, die seinen Test als Vierjährige erfolgreich absolviert und die Wartezeit ausgehalten hatten – dass diese Kinder später in ihrem Leben als Jugendliche und junge Erwachsene viel besser zurecht kamen als die anderen: Sie hatten in der Schule bessere Noten, konnten Stress-Situationen besser bewältigen und hatten ganz allgemein weniger Probleme. – Der „Marshmallow-Test“ scheint also ideal dafür zu sein, um Kindern schon im Kindergartenalter eine fundierte Schul- und Lebensprognose zu erstellen.

Walter Mischel hat bei der Auswertung seines Versuchs nur leider etwas vergessen, obwohl er selbst in früheren Jahren bei Vorversuchen auf Trinidad entsprechende Erfahrungen beschrieben hat:
Es gibt nämliche eine Grundvoraussetzung für die Kinder, ohne die sie es gar nicht schaffen können, zwanzig Minuten auszuhalten und abzuwarten, bis sie dann mit der doppelten Menge Marshmallows belohnt werden. Sie müssen Vertrauen gelernt haben. Sie müssen als Erfahrung schon mitbringen: „Auf das, was mir jemand sagt, kann ich mich verlassen. Nur dann lohnt es sich für die Kinder zu warten.“

Kinder, die als Grunderfahrung von klein auf mitbringen: „Erwachsene reden viel, wenn der Tag lang ist, und was sie versprechen, das halten sie dann doch nicht.“ Solche Kinder wären aus ihrer Lebens-Erfahrung heraus doch nur dumm, wenn sie einen Marshmallow ungegessen auf dem Tisch liegen ließen, nur wegen eines leeren Versprechens.

Dann bedeutet das Ergebnis des Marshmallow-Versuchs aber eigentlich:
Kinder, die in jungen Jahren Vertrauen lernen konnten, können ihr Leben besser meistern; Kinder, die erlebt haben, auf meine Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel, auf meine Lehrerinnen und Lehrer ist Verlass, sie halten, was sie versprechen und sie tun, was sie sagen – Kinder die das gelernt haben, kommen in der Schule besser zurecht, sie können besser mit Stress umgehen, sie haben allgemein weniger Probleme im Leben.
Es lohnt sich also, wenn wir Kindern etwas zutrauen, damit tun wir ihnen etwas Gutes. Es lohnt sich, wenn wir anderen Vertrauen Menschen entgegen bringen. Wir helfen Ihnen, dass aus ihnen und ihrem Leben etwas werden kann.

Und eigentlich kennen wir dieses Verhalten längst: Genauso ist schon Jesus mit den Menschen umgegangen; sowohl mit dem Zöllner Zachäus, dem er zugetraut hat, ein besserer Mensch zu werden; als auch mit der Ehebrecherin, von der er sich sicher war, dass sie ihr Leben in den Griff bekommen würde.

Ganz zu schweigen davon, dass Gott selbst diese ganze Welt schon mit solch einem Vertrauensvorschuss seinen Menschen gegenüber begonnen hat: Er setzte den Menschen auf seine nagelneu erschaffene Erde und traute ihm zu, alles das, was Gott gut und schön erschaffen hatte, zu bebauen und zu bewahren.

Ja, es stimmt: Wir Menschen haben Gott seitdem manches Mal enttäuscht. Und wir enttäuschen auch uns gegenseitig leider oft genug. Umso wichtiger aber ist es, dass wir uns immer wieder darauf besinnen, dass das Erleben von Vertrauen eine der wichtigsten Grundlagen für unser Leben ist. – Wo wir anderen Vertrauen schenken und wo wir andere Menschen erleben lassen, dass sie uns vertrauen können, da kann das Leben gut werden, da können Menschen aufblühen, so wie es das Lied besingt:

Wo ein Mensch Vertrauen gibt, nicht nur an sich selber denkt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht. – Wo ein Mensch den andern sieht, nicht nur sich und seine Welt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht. (EG 630,1+2)
Ihr Andreas Specht

Veröffentlicht von

Team Gemeindebrief

Gemeindebriefredaktion der evangelischen Kirchengemeinde Garbenteich und Hausen/Petersweiher