Andacht zum Gemeindebrief Herbst 2022

Liebe Leserinnen und Leser,

„Was mein Leben reich macht.“

In einem Kalender mit diesem Titel erzählen Menschen Tag für Tag von den kleinen Geschenken, die das Leben ihnen macht. Der leckere Kuchen der Nachbarin kommt darin genauso vor wie ein Eindruck aus einem Urlaub, ein Tag mit der besten Freundin oder der Besuch eines Gottesdienstes. Ein Kalender also voller „Erntedankgeschichten.“ Mit Schülerinnen und Schülern der Grundschule habe ich immer wieder gerne ausprobiert, Erntedank zu buchstabieren. Ein Dankbarkeits-ABC aufzuschreiben mit all den Dingen, für die ich dankbar bin. Wenn Sie keine ABC-Liste machen möchten, dann stellen Sie sich doch einfach in Gedanken vor, was Sie gerne in diesem Jahr auf den Erntedank-Altar legen wollen.

Im Dankbarkeits-ABC unter dem Buchstaben B erscheint bei mir in diesem Jahr das Wort „Barmherzigkeit“. Ich bin sehr dankbar und auch immer wieder ganz berührt von all den Menschen, die an andere denken, denen es nicht so gut geht wie uns und die bereit sind zu teilen. Auch das gehört zum Erntedankfest, dass wir uns bewusst machen, wie wichtig das Teilen ist und dass es zu einer christlichen Lebenshaltung dazugehört. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, sagt Jesus. So denke ich voller Dankbarkeit an die Menschen, die ins Ahrtal gefahren sind und immer noch fahren. Ich denke an diejenigen, die für die alte Dame in der Nachbarschaft einkaufen, die Zimmer und Wohnungen freiräumen für Flüchtlinge. Ich denke dankbar an diejenigen, die für die Gießener Tafel auf unterschiedliche Weise gespendet haben, und an die Helferinnen und Helfer in den Großstädten, die bei der Sommerhitze Obdachlose mit Wasser und frischem Obst versorgt haben. Ich denke an diejenigen, die unter Einsatz ihres Lebens helfen und retten, die Feuerwehrleute, die Brände in diesem Sommer – auch unzählige Waldbrände – gelöscht haben, und an diejenigen, die Menschen aus Kriegsgebieten in Sicherheit bringen.

Meine Liste der Dankbarkeit für die Barmherzigkeit der Menschen ist in diesem Jahr besonders lang. Wir erfahren zunehmend, wie wenig selbstverständlich alles ist: der Friede, das Dach über dem Kopf, das tägliche Brot, die Arbeitsstelle. Es ist lebenswichtig, dass wir einander beistehen und Lasten teilen. Leben ist auch immer ein sich Einlassen auf andere, nicht zuerst zu urteilen, sondern das Leben auch einmal aus ihren Augen zu sehen. Dazu braucht es unbedingt das Herz. Aufforderungen, Gutes zu tun, helfen wenig, wenn das Herz nicht beteiligt ist. Niemand wird zum barmherzigen Samariter, weil uns das vorgeschrieben ist oder die Pfarrerin dazu auffordert. Barmherzig wird man, weil das Herz das will – weil das Herz dem anderen zugeneigt ist und mitfühlend ist und darum hilft.

Dass wir Freude daran haben, barmherzig zu sein, und dankbar sind, wenn wir Barmherzigkeit erfahren, das wünsche ich uns allen.

Jutta Hofmann-Weiß

Pfarrerin der Ev. Kirchengemeinde Watzenborn-Steinberg